Die Angst vor dem Alleinsein kann sehr laut werden
Stell dir vor, du sitzt abends allein auf deinem Sofa.
Es ist ruhig.
Vielleicht sogar zu ruhig.
Du schaust auf dein Handy, aber diesmal wartest du nicht auf eine Nachricht.
Du weißt, dass du eigentlich längst weißt, was du tun solltest.
Diese Beziehung tut dir nicht gut.
Du hast es schon oft gedacht.
Vielleicht hast du es sogar einer Freundin erzählt.
Vielleicht hast du dir selbst schon versprochen:
„Diesmal gehe ich wirklich.“
Und dann stellst du dir vor, wie dein Leben aussehen würde, wenn dieser Mensch tatsächlich nicht mehr da wäre.
Keine Nachricht.
Kein gemeinsames Wochenende.
Kein „Guten Morgen“.
Niemand, der plötzlich wieder vor der Tür steht.
Und auf einmal ist da dieses Gefühl.
Angst.
Vielleicht sogar Panik.
Und plötzlich erscheint die Beziehung wieder weniger schlimm.
Nicht weil sich etwas verändert hätte.
Sondern weil die Vorstellung vom Alleinsein noch schlimmer erscheint.
Vielleicht vermisst du nicht nur den Menschen.
Vielleicht vermisst du auch das Gefühl, nicht allein zu sein.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Denn manchmal halten wir an einer Beziehung fest, obwohl wir längst spüren, dass sie uns nicht guttut.
Wir entschuldigen Dinge.
Wir warten.
Wir hoffen.
Wir passen uns an.
Und tief in uns wissen wir:
So möchte ich eigentlich nicht weiterleben.
Aber dann kommt die nächste Frage:
„Und was mache ich dann mit mir?“
Vielleicht hast du Angst, niemanden mehr zu finden.
Vielleicht glaubst du, dass es zu spät ist, noch einmal neu anzufangen.
Vielleicht fürchtest du die Wochenenden.
Die Abende.
Die Feiertage.
Die Wohnung, die plötzlich zu groß wirkt.
Oder einfach diesen einen Gedanken:
„Was, wenn niemand mehr kommt?“
Diese Gedanken können sehr laut werden.
Und sie können dazu führen, dass wir Dinge tolerieren, die wir eigentlich nicht mehr tolerieren möchten.
Nicht weil wir schwach sind.
Sondern weil wir Menschen sind.
Wir brauchen Nähe.
Wir brauchen Verbindung.
Wir möchten dazugehören.
Und deshalb verdient auch diese Angst Verständnis – keine Verurteilung.
Aber vielleicht ist Alleinsein nicht das, wovor du wirklich Angst hast.
Vielleicht ist es das, was du in der Stille hören könntest.
Deine eigenen Gedanken.
Deine Bedürfnisse.
Deine Enttäuschung.
Vielleicht auch deine Wut.
Und vielleicht die Frage:
„Was möchte ich eigentlich?“
Denn wenn wir lange sehr stark auf einen anderen Menschen ausgerichtet waren, kann die eigene Stimme ungewohnt leise werden.
Sie ist aber nicht verschwunden.
Sie wartet vielleicht einfach darauf, wieder gehört zu werden.
Eine kleine Übung für heute
Nimm dir einen Moment und vervollständige diesen Satz:
„Wenn ich keine Angst davor hätte, allein zu sein, dann würde ich …“
Schreib nicht lange darüber nach.
Der erste Gedanke reicht.
Du musst daraus heute keine Entscheidung machen.
Vielleicht ist es nur ein Satz.
Aber manchmal beginnt Veränderung genau so.
Mit einem Satz, den wir uns selbst endlich erlauben.
Und vielleicht wirst du irgendwann feststellen:
Allein zu sein bedeutet nicht automatisch, einsam zu sein.
Alleinsein kann auch bedeuten:
wieder in Ruhe zu essen.
Musik zu hören, die du liebst.
Menschen zu treffen, die dir guttun.
Eine Entscheidung zu treffen, ohne vorher die Reaktion eines anderen zu fürchten.
Zu entdecken, dass du deine eigene Gesellschaft aushalten kannst.
Und vielleicht sogar irgendwann genießen kannst.
Nicht von heute auf morgen.
Aber Schritt für Schritt.
Denn der Weg zurück zu dir beginnt manchmal genau dort, wo du dich traust, einen Moment lang allein mit dir zu sein.